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TILMANN WALTHER
 

BESIDES CROSSES

Ein Bild ist immer ein Ausschnitt. Ein Ausschnitt ist immer ein Bild. Wir nähern uns an etwas an, um eine genau Beschaffenheit zu verstehen, oder wir treten von etwas zurück, um uns einen Überblick zu verschaffen. Die Strukturen jenseits des Bildes bleiben uns verborgen. Wie nah wir auch herantreten, es ergeben sich immer neue Zusammenhänge. Keine noch so große Entfernung lässt uns einen Blick auf die Gesamtheit werfen, die den Ursprung des Bildes markiert. So entwickeln wir einen Fokus, der uns ein Zentrum ermöglicht, aber auch ein Zentrum erzwingt. Ein Bild besitzt immer, allein schon aus Gründen der Geometrie, ein Zentrum. Und schließlich ist ein Bild mehr als ein reiner Ausschnitt. Es ist auch eine Auswahl, eine Entscheidung für etwas Bestimmtes und der Ausschluss von etwas Anderem, das in diesem Bild keinen Platz zu haben scheint. Auch ein Leben ist nur ein Ausschnitt, eine Zeitspanne, die sich eröffnet, bewegt und wieder vergeht. So sind Bilder Ausdruck unserer Möglichkeiten und unsere Grenzen zugleich.

In der Ausstellung „besides crosses“ bin ich der Frage nachgegangen, was abseits der offensichtlichen Mitte eines Fokus zu entdecken ist. Ich habe hierfür meine Fotografien systematisch untersucht und Ausschnitte ausgewählt. Das Eintauchen in die Fotografien hat mir eine sonderbare Welt eröffnet, voller Überraschungen, intensiver Atmosphären und verschwommener Perspektiven. Das Heranzoomen hat eine Reduktion der Information zur Folge und wirft unweigerlich Fragen auf, deren Antwort mir nur in Bildern sinnvoll erscheint. Wie ist die Form des Formlosen geschaffen? Gibt es die Existenz des Nichtexistenten? Wie viel Traum verbirgt sich im Sehen? Wie viel Wirklichkeit erzeugt ein Traum?